Nur drei Tage nach dem Artikel „Liederlich“ erschien auch in der ZEIT eine grosse Geschichte über mich und mein Buch „Das deutsche Dirnenlied. Literarisches Kabarett von Bruant bis Brecht“: „Gesang im Bordell“ – im Ressort Wissen der Ausgabe Nr. 50 vom 7. Dezember 2006. Die Unterzeile: „Der Musikwissenschaftler und Sänger Roger Stein widmet seine Forschung den Chansons von käuflicher Liebe“. Geschrieben hat ihn wieder Kai Michel.

Wir zogen durch Wien: vom kleinen Bordell am Gürtel über den Spittelberg zum Stephansdom und in die Broadway Piano Bar, wo ich oft bin, wenn ich in Wien bin – „vermutlich der einzige Ort, wo sich Billy Joel ans Klavier setzen kann, und keiner hört zu“. Der Besitzer, Béla Korény, ist selbst Komponist und spielt wunderbar Klavier. Dort erzählte ich, wie ich bei einer Seminararbeit auf das Dirnenlied gestossen war – und erstaunt feststellte, dass die einschlägigen Lexika vom Soldaten- bis zum Handwerkerlied alles verzeichneten, nur keine Dirnen.
„Künstler, die zu viel reflektieren, sind heute verdächtig.“
Roger Stein in „Gesang im Bordell“, DIE ZEIT, 7. Dezember 2006
Mir ging es nie um pornografische Gebrauchslyrik, sondern um die literarischen Dirnenlieder, die zwischen 1880 und 1930 unter Künstlern und Kabarettisten gewaltig in Mode waren – von Tucholsky und Wedekind bis zur „Dreigroschenoper“ und dem „Blauen Engel“. Mit ihnen provozierte eine ganze Künstlergeneration die Bürger und ihr antiquiertes Frauenbild. Gern würde ich einmal eine Kulturgeschichte des deutschen Chansons schreiben. Denn das Lied war nie blosse Unterhaltung – deshalb ist es für mich auch kein Widerspruch, Wissenschaftler und Künstler zu sein.
Erwähnt wurde auch Wortfront, mein Duo mit Sandra Kreisler, und dass wir für unsere „Lieder eines postmodernen Arschlochs“ gerade den Preis der deutschen Schallplattenkritik bekommen hatten. Und auch hier endete der Abend in „Nina’s Bar“ mit der Frage, ob ich nicht „Ich bin die fesche Lola“ singen wolle. Nein – im Puff wird heute nicht mehr gesungen.
Der Artikel „Gesang im Bordell“ aus der ZEIT vom 7. Dezember 2006 als PDF:



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